...Auch wenn der Titel etwas anderes anmuten lässt, hier will ich möglichst genau das beschreiben wie und wo meine erste Panikattacke stattgefunden hatte.
Bekanntlich vergisst man den ersten Kuss und Sex nie (es sei denn es war so übel dass man es zu verdrängen versucht). Das gleiche ist es mit der ersten Panikattacke.
Es ist ein kalter Freitag Morgen als ich vom öffentlichen Parkplatz zum Geschäft laufe. Ein Paar Tage zuvor hatte ich meine Dauerparkkarte erneuern lassen für 50 Franken. Meine Gedanken verschwendete ich damit mir zu überlegen wie man am schnellsten den Tag ohne Kopfschmerzen verbringt. Dass ich Aspirin mit mir trage ist pure Prävention. Ich bin nicht einer der gerne auf Medikamente zurückgreift, aber manchmal hilft es mir schon bereits wenn ich weiss, dass ich notfalls welche dabei habe. Mir ist kalt. In knapp zwei Wochen ist Weihnachten und ich habe nichts für meine Familie und Freunde gekauft. Wie auch? Bin ja nur am arbeiten wie ein Tier und die wenige Stunden nach Feierabend die mir bleiben verbringe ich lieber zu Hause im warmen und entspanne mich unter der heissen Dusche und relaxe danach aufm Bett vor dem 42 Zoll HD LCD der als PC Monitor hinhalten muss. Soweiso, die Lust zu Feiern ist mir schon seit Jahren vergangen.
Mein schweres Schuhwerk macht mir zu schaffen. Zwei Jacken habe ich an. Ich hasse die Kälte! Obwohl mir nicht zu Rauchen ist zünde ich mir eine an. Ich bin müde. Meine Augen sehnen sich nach Dunkelheit, mein Körper nach Wärme. Ich muss diesen Job an den Nagel hängen! So kann es nicht weiter gehen! Und schon stand ich vor dem Geschäft. Die Schlüssel bereite ich meistens beim laufen vor, so dass ich schnell in das von den Halogen-Spotlights vorerwärmten Geschäft rein kann. Obwohl es kurz vor neun ist, ist es draussen noch relativ dunkel. Ein leichter Nebel verhüllt die in dicke Jacken eingepackten Kinder welche zur Schule eilen. Auf der anderen Strassenseite teilen noch die jungen Teenies schnell ihre frisch gekauften Zigaretten auf. Nachdem ich die Geschäftstüre abgeschlossen habe laufe ich ins Untergeschoss und geniesse noch die wärme meiner zwei Jacken. Ich schliesse die Augen. Es tut so gut... Ein tiefer Seufzer und schnell die Jacken ausziehen. Ich muss einiges vorbereiten. Die restlichen Lichter einschalten, die Kasse aus dem Safe raufbringen, zählen, anmelden. Wieso soll ich eigentlich die Kasse nochmals zählen? Am Vortag hatte ich es persönlich gezählt und runtergebracht! Es macht sowas von keinen Sinn! Bald müsste noch der Arbeitskollege kommen. Muss er später anfangen, oder ist er wie immer einfach nur zu spät? Ach, macht doch auch keinen Unterschied mehr. Ich fühle mich so komisch, ich glaube ich werde krank.
Die ersten paar Stunden verflogen nur mühsam. Die wenige Kundschaft am Morgen bestand bloss aus ein paar pensionierte Klugscheisser und Schulschwänzer die nur wegen der Wärme rein kam. Ich beschloss früher als sonst in die Mittagspause zu gehen, obwohl mir nicht nach Essen war. Meinem Arbeitskollege wars recht. Ich ging also mit meiner Strickjacke, welche ich ein Jahr zuvor in einem Militaria Ausverkauf erstanden hatte, ins Einkaufszentrum um die Ecke. An der Imbisstheke kaufte ich mir mein übliches Schnitzelbrot. Beim Kiosk beim Ausgang bleibe ich kurz stehen, der Euro-Million-Jackpot ist relativ hoch. Das ist alles Geld von mir, welches ich verzweifelt investiert hatte um die vorherigen Jackpots zu knacken. Ich war nie ein grosser Spieler, aber es gab eine Zeit wo ich wirklich so naiv war an Wunder zu glauben. Ich schlenderte wieder zurück ins Geschäft. Auf den "Guten Appetit" des Kollegen antwortete ich mit einem Kopfnicken bevor ich die Treppe runter ging ins Untergeschoss.
Ich muss mich am Geländer begleiten, ich fühl mich schwach. Im untergeschoss ist es dunkel und irgendwie kühler als oben. Ich sitze am Mittagstisch und Esse fast widerwillig mein Sandwich. Was ist bloss los mit mir? Ich muss aufstehen. Kann nicht sitzen. Es ist so als ob mir mein Essen halbwegs stecken geblieben ist. Meine Hände zittern leicht. Das Herz schlägtfester als sonst. Ein schluck Wasser wirds wieder richten. Und für den Moment wars auch so.
Ich schickte wenig später mein Arbeitkollege in die Mittagspause. Wie ich vorher, ging auch er etwas aus dem Einkaufszentrum besorgen. "Bis später!", meinte er und verliess das Geschäft. Kaum schloss sich die gläserne Geschäftstüre hinter ihm, ergriff mich ein einengendes Gefühl. Plötzliche Schwindelgefühle ergriffen mich, meine Hände wurden taub und meine Beine fingen an zu zittern. Ich konnte kein klares Gedanken mehr fassen. Ich kriegte keine Luft mehr. Das Herz raste wie wild. Ich fiel zu Boden, eine Hand hielt sich irgendwie an der Kasse fest. Mein Herz kann sowas nicht standhalten! Ich werde sterben! Die weissen Wänden um mich herum fingen an zu schmelzen, die Kasse an der ich mich festhielt fühlte sich weich und leicht an bis sie in die höhe verschwand und alles wurde plötzlich dunkel...
Ich weiss nicht wieviel Zeit vergangen war, ein paar Minuten, oder vielleicht nur wenige Augenblicke, auf jeden Fall als ich wieder zu mir kam fühlte ich ein starkes Gefühl von Leere. Es war alles so surreal. Ich lebe noch! ...oder? Ein Kunde kommt rein. Er starrt mich an. "Guten tag. Alles ok...?", sagt er kurz darauf. "Mir ist schlecht!" erwiedere ich, während ich mich an der Kasse versuche festzuhalten.
Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren, schon gar nicht auf den Kunden. Ich weiss nur dass der Kunde schnell wieder das Geschäft verliess während ich nach meinem Handy suchte. Ich versuchte verzweifelt mich zu fassen, ging aber nicht. Mein Herz raste immernoch und mein Brustkorb fühlte sich bereits taub an, meine Hände hatten keine Kraft mehr um irgendwas zu machen. So schleppte ich mich an die Sitzbank für wartende Kunden und liess mich dort drauf fallen. Langsam kriegte ich mich wieder ein. Ich nützte die Gelegenheit aus und rief meine Eltern an. Innerhalb von wenigen Minuten waren sie bei mir. In der Zwischenzeit kam auch der Arbeitskollege, welcher für mich wieder einspringen musste, und somit auf seine Pause verzichten musste. Ich wurde sofort zu meinem Hausarzt gebracht.

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